Was ist ISO 21434?
ISO 21434, vollständig ISO/SAE 21434:2021, ist die internationale Norm für Cybersecurity Engineering in Straßenfahrzeugen. Sie legt fest, wie Hersteller und Zulieferer Cybersecurity-Risiken elektrischer und elektronischer Systeme steuern, von der Konzeptphase über Entwicklung und Produktion bis zum Ende des Supports. Bestimmte Techniken schreibt sie nicht vor. Mit ihren Arbeitsprodukten, allen voran der Bedrohungs- und Risikoanalyse TARA (Threat Analysis and Risk Assessment), belegen Hersteller einen großen Teil dessen, was UNECE R155 für die Typgenehmigung verlangt.
Auch bekannt als: ISO/SAE 21434 · ISO/SAE 21434:2021 · ISO SAE 21434
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Was ist eine TARA nach ISO 21434?
Die TARA (Threat Analysis and Risk Assessment) ist die Bedrohungs- und Risikoanalyse der Norm, ihre Methoden beschreibt Kapitel 15. Das Team bestimmt zuerst die schützenswerten Assets eines Systems und ihre Eigenschaft, also Vertraulichkeit, Integrität oder Verfügbarkeit. Für jedes Asset leitet es Schadensszenarien ab und bewertet die Auswirkung in den Kategorien Safety, Finanzen, Betrieb und Privatsphäre. Dann folgen Bedrohungsszenarien, mögliche Angriffspfade und die Frage, wie leicht ein Angriff durchführbar ist. Für diese Bewertung nennt Anhang G drei Ansätze, einer davon nutzt das Common Vulnerability Scoring System (CVSS). Aus Auswirkung und Durchführbarkeit ergibt sich ein Risikowert, und für jedes Risiko fällt die Entscheidung, es zu reduzieren, zu vermeiden, zu teilen oder zu akzeptieren. Anhang H spielt das an einem Scheinwerfersystem durch.
Wie hängen ISO 21434 und UNECE R155 zusammen?
UNECE R155, die UN-Regelung Nr. 155, verlangt für die Typgenehmigung ein Cybersecurity-Management-System (CSMS) des Fahrzeugherstellers, dessen Konformitätsbescheinigung höchstens drei Jahre gilt. In der EU ist die Regelung über die Verordnung (EU) 2019/2144 für neue Fahrzeugtypen seit dem 6. Juli 2022 Pflicht, für alle Neuzulassungen seit dem 7. Juli 2024. Die Regelung erwähnt die ISO/SAE 21434 nur in einer Fußnote, als Beispiel für Fachwissen zur Risikobewertung, und schreibt sie nicht vor. In der Praxis belegen Hersteller mit den Arbeitsprodukten der Norm einen großen Teil der CSMS-Anforderungen, alle deckt sie nicht ab. Software-Updates regelt die Schwesterregelung R156 mit dem Software-Update-Management-System, die zugehörige Norm ist ISO 24089 von 2023. Für Produkte, die unter die Verordnung (EU) 2019/2144 fallen, gilt der Cyber Resilience Act nach seinem Artikel 2 nicht.
Die Norm gilt entlang der ganzen Lieferkette. Wer welche Cybersecurity-Aufgabe übernimmt, legen Kunde und Lieferant in einer Schnittstellenvereinbarung fest, für die Anhang C eine Vorlage enthält, ähnlich dem Development Interface Agreement der ISO 26262. Wie gründlich entwickelt und geprüft wird, lässt sich über Cybersecurity Assurance Levels (CAL) aus dem informativen Anhang E abstufen. Die Prozesse prüfen Assessoren mit Automotive SPICE for Cybersecurity, dessen Version 2.0 vom März 2025 auf Automotive SPICE 4.0 aufsetzt. Gültig ist weiterhin die erste Ausgabe vom August 2021. Die systematische Überprüfung bei ISO endete am 2. Oktober 2026 mit dem Beschluss, die Norm zu überarbeiten, und die ergänzende ISO/SAE PAS 8475 zu CAL und Targeted Attack Feasibility steht seit dem 1. September 2026 kurz vor der Veröffentlichung.
Nach dem Serienstart verlangt die Norm fortlaufende Arbeit. Kapitel 8 beschreibt die Überwachung von Cybersecurity-Informationen, die Bewertung von Ereignissen sowie die Analyse und das Management von Schwachstellen, und R155 verlangt, dass der Hersteller relevante Schwachstellen in angemessener Zeit mindert. Hier trifft die Norm auf die CI/CD-Pipeline. Liegt die TARA versioniert neben dem Code, gehört zu jedem Release eine SBOM und hängen die Befunde aus statischer Codeanalyse (SAST) und Komponentenanalyse (SCA) am Build, dann lässt sich jedes Arbeitsprodukt einem Softwarestand zuordnen. Fragt der Fahrzeughersteller im Audit, auf welchem Softwarestand die TARA im Cybersecurity Case beruht, ist die Antwort ein Commit.
TARA für die Update-Funktion eines Telematik-Steuergeräts
Ein Zulieferer analysiert die Update-Funktion seines Telematik-Steuergeräts. Asset ist die Integrität der Firmware, das Schadensszenario eine manipulierte Version, die falsche Botschaften auf den Fahrzeugbus legt. Das Team bewertet die Auswirkung auf Safety als schwerwiegend und den Angriffspfad über das Mobilfunkmodul als durchführbar und entscheidet, das Risiko zu reduzieren. Daraus entstehen das Cybersecurity-Ziel, nur signierte Firmware zu starten, und die Anforderung an den Bootloader, die Signatur vor jedem Start zu prüfen. Beides steht danach im Lastenheft und im Testplan.
Eine Schwachstelle zwei Jahre nach Serienstart
Zwei Jahre nach Serienstart wird eine Lücke in der Verschlüsselungsbibliothek bekannt, die im Infotainment-Steuergerät steckt. Über die archivierten SBOMs findet das Team noch am selben Tag die betroffenen Softwarestände und Fahrzeugvarianten. Es aktualisiert die TARA für die Funkschnittstelle, bewertet die Durchführbarkeit des Angriffs neu und entscheidet sich für ein Update, das über den Update-Prozess nach R156 an die Flotte geht. TARA-Änderung, neuer Softwarestand und Begründung liegen danach im selben Repository.
Die Anfrage mit Schnittstellenvereinbarung
Ein Tier-1-Zulieferer erhält eine Anfrage für ein Radarsteuergerät. Der Fahrzeughersteller verlangt eine Cybersecurity-Schnittstellenvereinbarung, gibt für die Komponente ein CAL vor und kündigt ein Assessment nach Automotive SPICE for Cybersecurity an. Die TARA des Vorgängerprojekts liegt als Dokument auf einem Laufwerk und ist drei Releases alt. Das Team legt sie neu und versioniert im Projekt-Repository an und verknüpft jedes Cybersecurity-Ziel mit Anforderungen und Tests. Im Assessment zeigt es zu jedem Arbeitsprodukt den Stand, aus dem es stammt.
- Was ist der Unterschied zwischen ISO 21434 und ISO 26262?
- ISO 26262 schützt vor Fehlfunktionen elektrischer und elektronischer Systeme im Fahrzeug, ISO 21434 vor Angriffen auf sie. Die Safety-Norm arbeitet mit der Gefährdungs- und Risikoanalyse (HARA) und dem Automotive Safety Integrity Level (ASIL), die Cybersecurity-Norm mit der TARA und optional mit CAL. Aufbau und Arbeitsweise ähneln sich, und die Safety-Kategorie in der Schadensbewertung der TARA verbindet beide. Bei einem vernetzten Steuergerät brauchen Sie beide, am besten in einem abgestimmten Entwicklungsprozess.
- Ist ISO 21434 Pflicht?
- Als Norm ist ISO 21434 freiwillig, Pflicht ist das Cybersecurity-Management-System nach UNECE R155, und die Norm deckt einen großen Teil von dessen Anforderungen ab. In der EU brauchen alle Neuzulassungen der erfassten Fahrzeugklassen seit Juli 2024 eine Typgenehmigung nach dieser Regelung. R155 verlangt außerdem, dass der Hersteller Risiken in der Lieferkette beherrscht, deshalb landen die Anforderungen bei den Zulieferern. In der Fassung vom Januar 2025 erfasst R155 Fahrzeuge der Klassen L, M, N und O mit mindestens einem Steuergerät.
- Was ist ein Cybersecurity Assurance Level (CAL)?
- Ein Cybersecurity Assurance Level (CAL) gibt an, wie gründlich die Cybersecurity-Aktivitäten für ein Cybersecurity-Ziel ausfallen, etwa wie tief getestet und wie unabhängig geprüft wird. Die ISO/SAE 21434 beschreibt CAL im informativen Anhang E, ihre Verwendung ist also freiwillig. Bestimmt wird ein CAL je Cybersecurity-Ziel aus der Auswirkung und dem Angriffsvektor der zugehörigen Bedrohungsszenarien. Weitere Leitlinien zu CAL enthält die ISO/SAE PAS 8475, die seit dem 1. September 2026 kurz vor der Veröffentlichung steht.
- Kann man sich nach ISO 21434 zertifizieren lassen?
- Ja, Prüfstellen wie TÜV Rheinland und TÜV NORD bieten Audits und Zertifikate gegen ISO/SAE 21434 an. Eine Zertifizierungsnorm im klassischen Sinn ist sie allerdings nicht, deshalb stützen sich die Programme auf Zusatzregeln wie den Audit-Leitfaden ISO/PAS 5112 von 2022. Rechtlich zählt im Fahrzeugbereich die Konformitätsbescheinigung für das CSMS nach R155, die die Typgenehmigungsbehörde oder ihr technischer Dienst ausstellt und die höchstens drei Jahre gilt. Beantragen kann sie der Fahrzeughersteller oder sein bevollmächtigter Vertreter, Zulieferer liefern die Nachweise dafür zu.
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Weiterführende Primärquellen zu ISO 21434: Normtexte, Hersteller- und Projektdokumentation. Alle Ziele öffnen in einem neuen Tab.
- /01ISOISO/SAE 21434:2021, Road vehicles, Cybersecurity engineering(externe Seite, öffnet in neuem Tab)
Normeintrag mit Ausgabe, Umfang und Lebenszyklus, darunter der Beschluss zur Überarbeitung vom 2. Oktober 2026.
- /02Amtsblatt der EU, L 2025/5UN-Regelung Nr. 155: Einheitliche Bedingungen für die Genehmigung von Fahrzeugen hinsichtlich der Cybersicherheit und des Cybersicherheitsmanagementsystems(externe Seite, öffnet in neuem Tab)
Deutsche Fassung einschließlich Ergänzung 3 mit Anwendungsbereich, Anforderungen an das CSMS und der Gültigkeit der Konformitätsbescheinigung.
- /03Amt für Veröffentlichungen der EUVerordnung (EU) 2019/2144 über die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen(externe Seite, öffnet in neuem Tab)
Legt in Anhang II die Fristen für den Schutz gegen Cyberangriffe fest, 6. Juli 2022 für neue Typen und 7. Juli 2024 für alle Neuzulassungen.
- /04VDA QMCAutomotive SPICE for Cybersecurity, Process Reference and Assessment Model, Version 2.0(externe Seite, öffnet in neuem Tab)
Prozessmodell vom März 2025 mit den Prozessen SEC.1 bis SEC.4 und MAN.7 und einem Abschnitt zum Verhältnis zur ISO/SAE 21434.
- /05ISOISO/SAE PAS 8475, Cybersecurity Assurance Levels (CAL) and Targeted Attack Feasibility (TAF)(externe Seite, öffnet in neuem Tab)
Projektstand der ergänzenden Spezifikation zu CAL und Targeted Attack Feasibility, die seit September 2026 kurz vor der Veröffentlichung steht.
- /06Wikipedia (deutsch)ISO/SAE 21434(externe Seite, öffnet in neuem Tab)
Überblick über Kapitel und Anhänge der Norm, von der TARA in Kapitel 15 bis zu den Anhängen zu CAL und zur Angriffsdurchführbarkeit.
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