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Strategie · Platform Engineering·Aktualisiert 13. Juni 2026·14 min Lesezeit

Platform Engineering in der Industrie.
Self-Service bis runter zur SPS.

Platform Engineering in der Industrie: eine zentrale Self-Service-Plattform fächert über Golden Paths nach unten zu einer Reihe unterschiedlicher SPS-Steuerungen auf
// Direkte Antwort

Platform Engineering lässt sich auf die Industrie übertragen — aber ehrlich betrachtet ist die OT noch nicht so weit wie die IT. Das Konzept der Internal Developer Platform mit Self-Service und Golden Paths passt auch auf die SPS-/PLC-Entwicklung. Nur fehlt ein herstellerübergreifendes Backstage-Äquivalent. Was real funktioniert: Git-Versionskontrolle für SPS-Code, simulationsgestützte CI und zentrales Lifecycle-Management. Die Hersteller-App-Stores sind dagegen meist Edge-Marktplätze, die den Lock-in verstärken.

Stand: Juni 2026·Plattformen: Siemens Industrial Edge · ctrlX OS · CODESYS Automation Server·Standards: OPC UA · AAS · Margo (PR1)
// 01Einordnung

DevOps vs. Platform Engineering — und wo die Industrie steht

Platform Engineering ist keine Ablösung von DevOps, sondern die organisatorische Antwort auf dessen Schattenseite: Wenn jedes Team seine Infrastruktur selbst bauen und betreiben muss, wächst die kognitive Last. Ein Plattform-Team fängt das mit einer Self-Service-Plattform ab. In der Industrie kommt die eigentliche Frage hinzu — wie weit trägt dieses Modell, wenn am Ende der Pipeline keine Cloud, sondern eine Steuerung in einer laufenden Anlage steht?

Dimension
DevOps
Platform Engineering
Fokus
Kultur, Zusammenarbeit, Automatisierung
Self-Service-Plattform als Produkt
Problem
Silos zwischen Dev & Ops
Kognitive Überlast der Entwickler
Ergebnis
Gemeinsame Verantwortung
Internal Developer Platform, Golden Paths
Team
Cross-funktionale Produktteams
Dediziertes Plattform-Team mit Produkt-Mindset
// 02Was ist möglich

Was geht in der SPS-/PLC-Entwicklung heute?

Die unbequeme Wahrheit zuerst: Die OT hat noch kein Backstage. Es gibt kein etabliertes, herstellerübergreifendes Entwicklerportal, das Golden Paths für SPS-Projekte bereitstellt. Was real existiert, sind einzelne, sehr wirksame Bausteine — Git-Versionskontrolle für SPS-Code (über das Version Control Interface bzw. die Openness-API), simulationsgestützte CI mit der PLCSIM-Advanced-API oder der CODESYS-Simulation, und zentrales Lifecycle-Management über viele Controller hinweg.

Self-Service für Automatisierungs-Ingenieure — on-demand-Simulation, standardisierte Pipeline-Templates, geprüfte Bausteinbibliotheken — ist technisch machbar, wird heute aber meist projektindividuell zusammengebaut statt als fertiges Plattformprodukt geliefert. Genau hier liegt die Chance: aus den Bausteinen eine Plattform machen.

Plattform
Was es real ist
Substanz
Siemens Industrial Edge
Docker-App-Marktplatz + zentrales Geräte-/App-Management (Industrial Edge Management)
Self-Service auf Edge-Ebene — an das Siemens-Ökosystem gebunden, kein SPS-Engineering-IDP
Bosch Rexroth ctrlX OS / World
Linux-Steuerungs-OS + offener App-Store + Partner-Ökosystem (SDK für Dritte)
Offenste Hardware-Plattform am Markt — bleibt aber an ctrlX-Hardware gekoppelt
CODESYS Automation Server
Cloud-/On-Prem-Lifecycle: Deployment, automatische Versionierung, Remote-Debug über viele Controller
Herstellerübergreifend für alle CODESYS-Runtime-Geräte — echtes Lifecycle-Management
Software Defined Automation
Herstellerunabhängige Plattform: Browser-IDE, Backup-/Versionskontrolle, 12+ unterstützte Vendoren
Höchste IDP-Nähe — aber jung; die genannten ROI-Zahlen sind Anbieterangaben
// 03Anwendungsbeispiele

Wer baut Plattformen für die OT?

Belastbare End-to-End-Referenzen für eine Internal Developer Platform in der OT sind selten — und das beste Vorbild ist kein Industrieanbieter, sondern eine Forschungseinrichtung. Vier Beispiele, die zusammen ein ehrliches Bild ergeben:

/01

CERN · UNICOS-Framework

Die am besten dokumentierte interne Plattform für OT-Test und CI: CERN generiert SPS-Code automatisch und testet ihn in einer Pipeline. Der Clou — Tests greifen über OPC UA auf SPS-Variablen zu, ohne das Programm zu verändern, ein Python-Wrapper erlaubt Unit-Tests, und die Simulatoren sind plattformunabhängig (Siemens, Schneider, CODESYS).

Quelle: cern.ch
/02

Software Defined Automation

Herstellerunabhängige Industrial-DevOps-Plattform mit Browser-IDE, Backup-as-a-Service und Versionskontrolle über 12+ SPS-Vendoren. Genannte Anwender: Henkel, SEW-EURODRIVE, Fugro, Cytiva. Die plakativen Effizienzgewinne sind Anbieterangaben ohne unabhängigen Beleg — als Schätzung lesen.

Quelle: softwaredefinedautomation.io
/03

VW CARIAD · das Lehrstück

Die Software-Plattform-Einheit des VW-Konzerns scheiterte nicht an der Technik, sondern an der Organisation: ein Plattform-Team ohne eigenes Budget und ohne Mandat, von den Marken als Dienstleister gesehen. Genau der Platform-as-a-Product-Konflikt — und eine Warnung, die sich 1:1 auf OT-Plattformteams übertragen lässt.

Quelle: germanautopreneur.com
/04

Bosch „Digital Factory" · ehrliche Abgrenzung

Bosch baute mit einer Low-Code-Plattform über 500 Apps in vier Jahren und beseitigte Schatten-IT. Wichtig zur Einordnung: Das ist eine Fabrik-IT-App-Plattform, nicht Platform Engineering für die SPS-/OT-Steuerungsebene. Ein belegbares „OT-Backstage" gibt es bei keinem Hersteller.

Quelle: outsystems.com
// 04Best Practices

Sechs Praktiken, die sich bewähren

/01

Plattform als Produkt — mit Mandat

CARIAD zeigt das Gegenteil: Ein Plattform-Team braucht Budget, klare Product-Ownership und ein echtes Mandat. Sonst entsteht Patchwork statt Plattform. Automatisierungsteams sind die „Kunden", das Plattform-Team liefert Pipelines, Backup und Simulation als Service.

/02

Golden Paths für SPS-Projekte

Geprüfte, versionierte Funktionsbaustein-Bibliotheken (PLCopen-konform), standardisierte Projekt-Templates nach IEC 61131-3 und fertige Pipelines (Compile → Simulation → Test → Download). Der kuratierte Pfad ist schneller und sicherer als jedes Projekt von Grund auf.

/03

Self-Service-Test statt Prüfstand-Engpass

Simulation als on-demand-Stufe: Die PLCSIM-Advanced-API und die CODESYS-Simulation ersetzen den physischen Prüfstand pro Ingenieur. Tests laufen automatisiert in der Pipeline — Hardware-in-the-Loop nur für Timing- und Vendor-Spezifika.

/04

Team Topologies in der OT

Plattform-Team, Stream-aligned (Linien/Werke) und vor allem ein Enabling-Team, das die Brücke zwischen klassischen Automatisierern und Platform Engineers schlägt. Genau dieses Enabling-Team adressiert den Skill-Gap, an dem sonst alles hängt.

/05

Über Werke und Linien standardisieren

Zentrale Versionierung (Muster: CODESYS Automation Server), wiederverwendbare Bausteine und einheitliche Pipeline-Definitionen. Der Nutzen einer Plattform skaliert erst, wenn mehrere Standorte denselben Golden Path nutzen.

/06

Auf eine herstellerneutrale API-Schicht zielen

Statt proprietärer Insellösung auf OPC UA und die Asset Administration Shell setzen. Diese Standards sind der aussichtsreichste Weg zur fehlenden, vendorübergreifenden Daten- und API-Schicht — die Voraussetzung für eine echte OT-Plattform.

// 05Herausforderungen

Wo es in der Praxis hakt

/01

Heterogene, proprietäre Vendor-Welt

Siemens, Rockwell, Beckhoff, CODESYS — kein gemeinsames Backstage-Äquivalent, und selbst IEC 61131-3 garantiert keine Portabilität zwischen Herstellern. Die Hersteller-App-Stores verstärken den Lock-in eher, als ihn aufzulösen.

/02

Hardware lässt sich nicht „provisionieren"

Eine SPS ist keine Cloud-VM, die man per Knopfdruck bereitstellt. Virtuelle SPS (CODESYS Virtual Control, PLCSIM) mildern das, sind aber nicht für jede Safety-, Motion- oder Hart-Echtzeit-Anwendung produktionsreif.

/03

Safety und Echtzeit setzen Grenzen

Funktionale Sicherheit und harte Echtzeit lassen sich nicht beliebig in Container oder Cloud verschieben. Self-Service endet dort, wo Determinismus und Zertifizierung beginnen.

/04

Brownfield und lange Lebenszyklen

Maschinen laufen 20 bis 30 Jahre, mit gemischten Firmware- und Tool-Generationen. Eine Plattform, die nur Greenfield bedient, scheitert an der Realität der Werkshalle.

/05

Skill-Gap und Kultur

Steuerungslogik und Domänenwissen treffen auf Git, CI/CD und Container — zwei verschiedene Welten. Ohne Enabling-Teams und echten Kulturwandel bleibt die beste Plattform ungenutzt.

/06

Governance, IEC 62443 und ROI

Browser-IDE und Remote-Deployment müssen ins Zonen- und Conduit-Modell der IEC 62443 passen. Und der ROI einer eigenen Plattform ist schwer zu belegen — Vendor-Zahlen taugen nicht als Geschäftsgrundlage.

// 06Standardisierungs-Layer

Welche Standards eine OT-Plattform tragen

Eine herstellerübergreifende Plattform braucht eine herstellerneutrale Schicht. Genau die fehlt der OT heute — aber drei Standards und eine Initiative arbeiten daran.

Asset Administration Shell

Die international standardisierte, herstellerneutrale digitale Asset-Beschreibung mit einer eigenen REST-API (Teil 2) und Registry. Getrieben von der IDTA, Open-Source-Umsetzung mit Eclipse BaSyx. Der heißeste Kandidat für die fehlende, vendorübergreifende API-Schicht — in der Produktion aber noch wenig verbreitet.

OPC UA

Etabliertes Kommunikations- und Informationsmodell. Bei CERN dient es als Test-Zugriffsprotokoll, das SPS-Variablen ausliest, ohne das Programm zu verändern — ein Muster, das jede OT-Testplattform übernehmen kann.

Glossar: OPC UA
Margo

Offene Edge-Interoperabilitäts-Initiative der Linux Foundation (2024), getragen u. a. von ABB, Siemens, Rockwell, Schneider und Microsoft. Das wichtigste Standardisierungs-Signal Richtung herstellerübergreifendes Edge-Platform-Engineering — aber mit Preview Release 1 (Anfang 2026) noch unreif, ohne stabile API.

IEC 62443

Der OT-Security-Rahmen aus Zonen, Conduits und Security Levels. Für jede Self-Service- oder Remote-Plattform ist er kein Add-on, sondern die Leitplanke — Remote-Engineering muss sich der Sicherheitsarchitektur unterordnen.

Glossar: IEC 62443
// 07Häufige Fragen

Lässt sich Platform Engineering auf SPS/PLC anwenden?

Teilweise. Das Konzept — Self-Service, Golden Paths, Plattform als Produkt — überträgt sich gut, aber es gibt noch kein herstellerübergreifendes Backstage-Äquivalent für die OT. Die realen Hebel heute sind Git-Versionskontrolle für SPS-Code, simulationsgestützte CI (PLCSIM Advanced, CODESYS-Simulation) und zentrales Lifecycle-Management über viele Controller.

Was ist eine Internal Developer Platform in der Industrie?

Sie stellt Automatisierungs-Ingenieuren geprüfte Projekt-Templates, fertige CI/CD-Pipelines, Simulationsumgebungen und versionierte Funktionsbaustein-Bibliotheken als Self-Service bereit. Statt jedes SPS-Projekt von Grund auf aufzubauen, wählen die Teams einen kuratierten, abgesicherten Pfad — den Golden Path.

Gibt es ein Backstage für die OT?

Nein, kein etabliertes herstellerübergreifendes Äquivalent. Die Hersteller-App-Stores — Siemens Industrial Edge, Bosch ctrlX, Phoenix Contact PLCnext — sind Edge-Marktplätze plus Geräte-Management und verstärken den Lock-in. Am nächsten an einer echten Plattform sind der CODESYS Automation Server (Lifecycle) und herstellerneutrale Tools wie Software Defined Automation.

Was ist der Unterschied zwischen DevOps und Platform Engineering?

DevOps ist die Kultur, die Entwicklung und Betrieb zusammenbringt. Platform Engineering ist die organisatorische Antwort darauf, dass „you build it, you run it" Entwickler kognitiv überlastet: Ein dediziertes Plattform-Team baut eine Internal Developer Platform mit Self-Service und Golden Paths. Platform Engineering ersetzt DevOps nicht, sondern macht es skalierbar.

Welche Standards helfen bei der Standardisierung in der OT?

OPC UA als Kommunikations- und Testschicht, die Asset Administration Shell (AAS) als herstellerneutrale API- und Datenschicht und die Margo-Initiative für Edge-Interoperabilität. AAS gilt als aussichtsreichster Kandidat für die fehlende vendorübergreifende Schnittstelle — Margo ist strategisch wichtig, aber noch im Aufbau.

Wann lohnt sich eine eigene Plattform in der Industrie?

Sobald mehrere Werke oder Linien immer wieder ähnliche Pipelines, Tests und Bibliotheken neu aufbauen. Dann zahlt sich Standardisierung aus. Bei einzelnen Anlagen ist eine eigene Internal Developer Platform meist verfrüht — hier sind eine Hersteller-Plattform oder herstellerneutrale Tools die pragmatischere Build-vs-Buy-Antwort.

// Nächster Schritt

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